Wie erkenne ich Rheuma

Dazu müssen wir uns zuerst die Frage stellen, „was ist Rheuma?“.

Das Spektrum des rheumatischen Formenkreises ist sehr breit und beinhaltet neben den typischerweise vom Volksmund als Rheuma bezeichneten entzündlichen Gelenksveränderungen, auch eine Vielzahl anderer Erkrankungen, bei denen es zu Entzündungen im Bindegewebe, der Muskulatur, den Gefäßen, oder anderen  Organen kommen kann. Dementsprechend können die Symptome sehr unterschiedlich sein, je nachdem welche Strukturen betroffen sind. Bei den meisten rheumatischen Erkrankungen handelt es sich um Autoimmunerkrankungen, d.h. das Immunsystem ist fehlgeschaltet, richtet sich gegen den eigenen Körper und verursacht an unterschiedlichen Organsystemen Entzündungen. Die Ursache dafür kennen wir nicht.

Wenn wir nun von Rheuma sprechen, meinen wir meist die juvenile idiopathische Arthritis (JIA), bei der es vorwiegend zu Gelenksentzündungen kommt. Entzündung heißt grundsätzlich: Rötung, Schwellung, Überwärmung, Schmerzen. Diese Symptome müssen jedoch nicht immer gleichzeitig und gleich stark vorhanden sein, oft steht eines davon im Vordergrund. Das klassische Symptom ist jedenfalls das geschwollene, schmerzhafte Gelenk (eines oder auch mehrere), welches durch Röntgen und Blutabnahme weiter abgeklärt werden muss. So können auch andere mögliche Differentialdiagnosen, die sich akut genauso präsentieren, ausgeschlossen werden. Dabei handelt es sich z.B. um bakteriell befallene Gelenke, Gelenksentzündungen nach einer Durchfallserkrankung oder einer Streptokokkenangina, oder aber auch um Gelenksschwellungen nach einem Trauma oder selten durch einen Tumor bedingt. All diese Erkrankungen gehören nicht zur JIA, haben sie doch eine spezielle Ursache, die auch spezifisch behandelt werden kann.

Sollte nun eine Gelenksschwellung bei einem Kind auftreten, oder bestehen Schmerzen in einem Gelenk, ist in jedem Fall der Kinderfacharzt aufzusuchen (Blutabnahme, Röntgen). Bei Unklarheiten, fehlender spezifischer Ursache bzw. dem  Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung, sollte ebenso rasch ein Kinderrheumatologe zur weiteren Abklärung hinzugezogen werden. Viele kennen wahrscheinlich den langen Weg von einem Mediziner und Therapeuten zum nächsten, bis man endlich, oft nach Monaten, bei der richtigen Adresse angekommen ist und eine Diagnose gestellt wird. Dabei vergeht wertvolle Zeit bis zur Einleitung einer adäquaten Therapie, die die Entzündung stoppt und damit bleibende Gelenksschädigungen verhindert oder zumindest reduziert.

Wenn klassische Symptome bestehen, ist der Weg der Abklärung meist rasch beschritten. Schwierigkeiten in der Symptomdeutung und Diagnosefindung ergeben sich manchmal bei sehr kleinen Kindern. Durch etwas „Babyspeck“ geschützt, ist eine Gelenksschwellung hierbei oft nicht klar nachweisbar. Es fallen dann eher indirekte, schmerzbedingte Symptome wie Gangunsicherheit, Hinken, Schonung einer Extremität  oder das Vermeiden bestimmter Bewegungen („greift mit einer Hand nicht mehr“ etc.) auf. Auch in solchen Fällen muss an die Möglichkeit einer Gelenksentzündung gedacht und entsprechend abgeklärt werden. Kombiniert sind rheumatische Erkrankungen oft auch mit Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Aufmerksamkeitsdefizit etc., die erste Hinweise liefern können.

Vielfach ist es ja nicht bekannt, dass „auch schon Kinder an Rheuma erkranken können“. Allein das Wissen um diese Erkrankung und die Verbreitung dieses Wissens,  fördert das Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung und auch innerhalb der  Ärzteschaft und ermöglicht so eine raschere Erkennung.

 

Dr. Stefan Rippel