Reiten und Rheuma

 

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Reiten und Rheuma?

  

Eigentlich müsste es Hippotherapie/Reittherapie bei Juveniler chronischer Arthritis heißen. Aber für die betroffenen Kinder ist es Reiten. Sie fahren nicht zur „Therapie“ sondern zum „Reiten“, und genau da beginnt eigentlich schon die positive Wirkung der Therapie mit dem Pferd.

 

Das Pferd als Partner in der Therapie findet gerade in letzter Zeit immer größeren Zuspruch und immer mehr Therapien mit dem Pferd werden angeboten.

 

Die heilende Wirkung des Therapiepartners Pferd entfaltet sich nicht in zwingender Weise von selbst.

 

Ein differenziertes Abstimmen vieler einzelner Aspekte ist notwendig, damit eine Beziehung zum Pferd aufgebaut werden kann, und damit eine Möglichkeit entsteht eigene Ressourcen zu entdecken.

 

Die Qualität der Therapie hängt somit von vielen Dingen ab und macht die Therapie am Pferd zu einer sehr kostspieligen und aufwendigen Therapieform.

 

Wer jedoch die positive Wirkung des Pferdes erleben durfte, weiß warum gerade diese Therapieform so großen Zuspruch genießt.

 

Wirkungsweisen des Pferdes in der Hippotherapie/Reittherapie

 

Die Wirkungsweise des Pferdes als Partner in der Therapie ist sehr vielfältig.  Das Pferd wirkt über seine Bewegung, über seinen Körper und über sein Wesen.

Es hängt von der Zielsetzung der Therapie ab, welcher Wirkungsweise ich als Therapeut mehr Raum lasse und welcher weniger.

Trotzdem wirkt das Pferd immer als „Ganzes“ in der Therapie mit und kann als eigenständiges Lebewesen und Partner durchaus auch den Therapieablauf  beeinflussen.

 

In der Hippotherapie werden hauptsächlich die Bewegungsübertragungen auf den Klienten in der Gangart Schritt genützt.

Die Reaktionen des Klienten auf diese Bewegungsstimulation soll vom Physiotherapeuten therapeutisch umgesetzt werden.

 

Die Schwingungsimpulse

 

1. Vor- und Zurückbewegung:

 

Das Becken bewegt sich vor und zurück, die Hüftgelenke bewegen sich dadurch in Extension(Streckung) und Flexion(Beugung) im rhythmischen Wechsel, die Wirbelsäule soll die Bewegungsimpulse möglichst in Aufrichtung widerlagern. Die Hippotherapeutin/Pferdeführerin kann die Anforderungen zusätzlich steigern,  z.B.: durch schnelleren Schritt (mehr Fliehkräfte wirken am Rumpf, intensivere Feinkoordination notwendig) oder langsameren Schritt (mehr intramuskuläre Koordination notwendig, Gleichgewichtsreaktionen).

 

2. Hoch- und Tiefbewegung:

 

Die Aufwärts- und Abwärtsbewegung des Pferderückens bewirkt eine Mobilisierung der Wirbelsäule, dabei wirken die Bandscheiben wie Stoßdämpfer.

 

3. Seit-zu-Seitbewegung:

 

Das links/rechts alternierende Absinken des Beckens nach kaudal (fußwärts) nimmt die Lendenwirbelsäule mit in eine Lateralflexion (Seitneigung) auf, in den Hüftgelenken resultiert daraus eine wechselseitige Abduktion und Adduktion.

 

4. Rotationen:

 

Durch die gleichzeitige Vorwärtsbewegung werden Becken und Hüfte im Wechsel rechts/links vorgeschoben, dadurch entsteht eine Rotation. Die Lendenwirbelsäule rotiert (dreht sich) mit. Die Hüftgelenke reagieren darauf  mit Innen- und Außenrotation.

 

Die ausgebildete Therapeutin muss diese Wirkungsmechanismen kennen, auf das Therapiepferd und den Klienten abstimmen und den neurologischen/orthopädischen Status des Klienten kennen, damit die Therapie am Pferd eine optimale Bewegungsverbesserung bewirken kann.

 

Dies gilt ganz besonders für Kinder, die an Juveniler chronischer Arthritis erkrankt sind.

Eine absolute Kontraindikation für die Therapie mit dem Pferd ist ein akuter Schub der Juvenilen chronischen Arthritis!

 

Atmung

 

Für den Bewegungsdialog zwischen Klient und Pferd spielt auch die Atmung eine zentrale Rolle.

Die Bauchatmung mit Loslassen und Spannen der Bauchmuskulatur und, ganz wesentlich, der Beckenbodenmuskulatur, ist Voraussetzung für einen lockeren und aufrechten Sitz.

 

 Eine Tonusregulierung der gesamten Wirbelsäule kann erreicht werden.

 

Die Sinneswahrnehmung mit dem Pferd

 

Wahrnehmung und Bewegung bedingen einander.

Mit dem Pferd lassen sich alle Sinnessysteme erreichen!

 

Das taktile System

 

Die Haut ist das größte Sinnesorgan unseres Körpers.

Druck und Gegendruck des rhythmisch bewegten Pferdekörpers beeinflussen die taktile Wahrnehmung. Ertasten des Felles, bewegte und unbewegte Teile ertasten, Mähne, Flanken, Bauch, wenig behaarte Stellen finden, Weichheit der Nüstern spüren, harte Hufe ertasten....

 

Das Pferd als unerschöpflicher Erlebnispartner zum Erfühlen.

 

Gerade bei Juveniler chronischer Arthritis, wo oft zum Schutz der Gelenke spezielle Orthesen notwenig sind, bietet das Pferd auch in akuten Stadien der Juvenilen chronischen Arthritis viele Möglichkeiten dem Klienten motorisch uns sensibel  (neurogen und myogen) zu therapieren und zu fördern.

Vor allem in der Reittherapie wird auf solche speziellen Bedürfnisse eingegangen.

 

Das kinästhetische System

 

Es ist das Organ der Eigenwahrnehmung und Tiefensensibilität - der Propiozeption.

 

Druck und Gegendruck an den Körperkontaktstellen Mensch/Pferd, Tonusregulierung, Dehnungseffekte auf Muskeln, Sehnen, Bänder.

Bsp.: Liegen am Pferd, Mehlsackposition, „müder Indianer“

 

Das vestibuläre System

 

Das Organ des Gleichgewichts.

 

Die Gleichgewichtsstimulation mit dem Pferd im menschentypischen Bewegungsmuster dürfte einmalig sein.

 

Dazu kommt:

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken

(Farbe des Fells, Schweif, Mähne, Glanz, klappern der Hufe, Schnauben, Prusten, Wiehern, Flehmen, Gerüche des Stalles (Heu, Misthaufen), Misten des Pferdes, andere Tiere (Hunde, Katzen)....)

 

Das Pferd als Spiegel des Menschen

 

Pferde sind Meister im Lesen von Körpersprache. Sie reagieren sensibel auf Stimmungslagen und Tonfall des Menschen, geben uns dadurch ein „lebendes Feedback“ und machen innere Prozesse äußerlich sichtbar.

 

Das Pferd blickt sozusagen hinter die „Fassade“ eines Menschen und nimmt den Kern der Persönlichkeit wahr. Es selbst ist wiederum in seinem Verhalten authentisch. Jegliche Sinneswahrnehmung spiegelt sich augenblicklich in seinem Verhalten wieder. Somit kommt es nicht zu Doppelbindungen, zu keinem Moralisieren, keiner Verteilung von Schuldgefühlen und keinen paradoxen Inhalten.

 

Körperliche Aufrichtung und psychische Aufrichtung

 

Wie bereits beschrieben erreichen im Schritt 100 Bewegungsimpulse pro Minute den reitenden Menschen. Diese Impulse fordern adaptive und balancierende Reaktionen und die Mitschwingungsfähigkeit  - wobei darunter nicht nur das körperliche, sondern auch das emotionale Mitschwingen verstanden wird. Durch die stetigen Impulse wird der Mensch zur Aufrichtung und Stabilisierung ermutigt.

Haltung ist immer der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit im momentanen Zustand.

Wenn dem Menschen am Pferd Zeit gelassen wird, von innen heraus zu einer idealen und aufrechten Position zu finden, geht dies mit der Empfindung von Selbstbewusstsein und Stärke einher. Brust und Bauch werden frei zum Atmen, wodurch sich Verspannungen und mit ihnen Gefühle lösen können.

Die Bewegungen des Pferdes fordern ein permanentes Balancieren, um das Gleichgewicht zu erhalten. Das Finden dieses körperlichen Gleichgewichtes auf dem Pferderücken hilft dem Menschen auch inneres Gleichgewicht zu finden, und auf eigene Fähigkeiten zu vertrauen.

 

Bei der Behandlung von Klienten mit Juveniler chronischer Arthritis ist es die Aufgabe des Physiotherapeuten so impulsarm wie möglich mit und auf dem Pferd zu arbeiten.

 

Immer in Rücksprache mit  dem behandelten Ärzten und Therapeuten!

 

Es  ist auch immer wieder mit den Angehörigen und dem Klienten selbst abzuklären, ob Schmerzen oder ein akuter Schub aufgetreten sind und wenn dies der Fall ist, so muss das sofort gesagt werden, damit die Therapie mit dem Pferd auf die gegebene Situation abgestimmt werden kann.

 

Ganz wichtig ist zu erwähnen, dass in der Reittherapie die verordneten Orthesen immer mitzubringen und zu tragen sind.

 

„Wiedergutmachende Erfahrungen“

 

In allen Menschen gibt es die Sehnsucht getragen zu werden. In der Mutter-Kind Beziehung erleben wir das grundlegende Gefühl des Getragenwerdens.

Wo dieses Urvertrauen zerstört wurde, kann das Pferd als „umfassendes tragendes“ Wesen erlebt werden. Die wohltuende Wärme und das Getragenwerden im Rhythmus der massierenden Bewegungen  des Pferdes lassen Erinnerungen an die frühkindliche Geborgenheit auf dem Schoß der Mutter aufkommen. Das Pferd bietet hier die Chance „wiedergutmachender Erfahrungen“.

 

„Nähe und Distanz“

 

Pferde sind zurückhaltende Tiere, der Mensch ist gefordert von sich aus Kontakt auf zu nehmen.

Es macht stolz und wird als Erfolgserlebnis gewertet, wenn das Vertrauen eines Pferdes gewonnen werden kann. Das Pferd hat einen starken Aufforderungscharakter, es motiviert dazu aktiv zu werden und bietet die Möglichkeit zu Nähe, ohne diese zu fordern oder aufzudrängen.

 

Die Achtsamkeit und Vorsicht des Pferdes erinnert uns Reittherapeuten immer wieder daran, selbst ebenso bedachtsam und bewusst mit Nähe und Distanz umzugehen, um unseren Klienten Raum und Zeit zu geben die sie brauchen.

 

Dieses Wechselspiel „Pferd/Klient“ bietet die Möglichkeit ganz besonders bei starker Schmerzsymptomatik, Verzagtheit, Unlust, Resignation und

Auflehnung gegen die Krankheit harmonisieren und motivierend zu wirken ohne dabei Druck auszuüben.

Es liegt in der Hand des Therapeuten die vielen Möglichkeiten des Pferdes als Therapeut situationsgemäß anzuwenden, und damit sanft zum Heil werden beizutragen.

 

 

Für weitere Informationen www.hippotherapie.at

Email: office@hippotherapie.at

 

Randa Hodum Elsayed Ali